Die Wackelzahnpubertät – im Spannungsfeld zwischen Selbstwirksamkeit und Verbundenheit

Wackelzahnpubertät

Wackelzahnpubertät, die schwierige Autonomiephase mit 5, 6 und 8 Jahren; ein Text von Imke Guzewski von Selbst ist das Kind.

Für uns kam es total überraschend.

Unser Sohn war 5 Jahre, der Sommer ein Jahr vor der Einschulung. Wir waren mit dem Zelt in Europa unterwegs. Ich war so verwirrt. Manchmal wirkte er so groß und dann wieder wie ein Kleinkind. Auf den Campingplätzen bewegte er sich wie ein Teenie, fand schnell Freunde, ging Brötchen holen oder spendierte mit seinem Taschengeld ein Eis.

Und im Supermarkt? Da drehte er dann plötzlich vorm Süßigkeiten-Regal durch, wie zuletzt mit 2 Jahren. Ich verstand die Welt nicht mehr, und unseren Sohn gleich gar nicht.

Inzwischen ist er 8 Jahre und kommt jetzt in die 3. Klasse. Es ist ruhiger geworden, dennoch kann ich nicht leugnen, dass die Zeit der Vorschule, die Einschulung und die ersten Jahre in der Schule eine ganz besondere für Eltern und Kinder sind. So viel ist in Veränderung, so viel wird inzwischen von unseren ‚schon großen‘ Kindern auch erwartet.

Es ist die Wackelzahnpubertät, Wackelzahnzeit oder auch Zahnlückenpubertät, 6-Jahres-Krise und terrible five genannt.

Dein Kind erlebt, wie schon in der ersten Autonomiephase oder Trotzphase einen weiteren großen Schritt in die Autonomie – in seine Selbstständigkeit und trifft mehr und mehr Entscheidungen noch unabhängiger als vorher.

Was ist das, die Wackelzahnpubertät?

Im Unterschied zur ersten Autonomiephase, leider besser bekannt als die ‚Trotzphase‘, bilden sich in der Wackelzahnpubertät in umfassendem Maße die sensorischen Fähigkeiten weiter aus. Einhergehend mit mehr und mehr Verständnis dafür, wie andere Menschen etwas empfinden und wie wir auf andere Menschen wirken.

Die Wackelzahnpubertät ist die Zeit der großen Gefühle. Einmal mehr ist es da so wichtig, die Wut, die Trauer, die Freude, ja manchmal Größenwahn und unendliche Liebe einfühlend zu begleiten. In den Köpfen der Kinder geht so viel vor, dass sie selber gar nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Gleichzeitig wachsen sie zwischen ihrem fünften und siebten Lebensjahr so rasch. Nicht nur körperlich in Größe und Proportion, auch geistig verändert sich einiges. Vielleicht guckst du dein Kind ebenso wie ich in dieser Zeit immer wieder staunend an und sagst Dinge, wie: „Wie erwachsen du plötzlich aussiehst!“, oder „Wo ist der Babyspeck geblieben?“ oder „Du wirkst plötzlich so groß und reif.“

Wann beginnt die Wackelzahnpubertät?

Wenn die Zähne wackeln, wackelt auch die Seele.

Das Kind verliert seinen Halt, sein „altes Gesicht“. Das wird zunächst sichtbar durch die Lücken im Mund und später dann durch die großen, markanten neuen Zähne, die dem Kind einen ganz neuen Ausdruck verleihen und eine neue Reifung schenken. Doch natürlich ist Dauer und Beginn der Wackelzahnpubertät ebenso individuell wie Dein Kind.

So wird sie beschrieben für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren. Bei unserem Sohn ging es beispielsweise lange bevor der erste Zahn wackelte los und raus ist er mit seinen jetzt acht Jahren auch noch nicht. Spannend finde ich, dass die Schulreife wirklich zum Wackelzahn passt. Unser Sohn ist im Oktober geboren und daher erst mit knapp sieben Jahren eingeschult worden. Und tatsächlich hat er auch erst kurz vorher seinen ersten Zahn verloren.

Welche Symptome sind bei Kindern in der Wackelzahnpubertät zu beobachten?

Die Kinder nehmen selber ihre körperlichen Veränderungen wahr. Sie spüren, dass sie „kein Baby mehr sind“, sondern „schon groß“. Mehr und mehr wollen sie selber entscheiden und in der Familie mitentscheiden. Dieses Selbstbild verinnerlichen die Kinder in diesem Alter mehr und mehr und äußern es ebenso lautstark.

Unser Sohn beschwert sich zum Beispiel sehr, wenn wir Erwachsenen etwas fürs Wochenende planen, ohne mit ihm darüber gesprochen zu haben oder wenn wir ohne ihn die Essensplanung machen.

Gleichzeitig wird diese Zeit auch von Ängsten begleitet. Es verunsichert manche Kinder, wenn sie plötzlich ihre Zähne als Teil von sich verlieren oder der große Tag der Einschulung vor der Tür steht. Sie spüren, dass inzwischen auch andere und höhere Erwartungen an sie gestellt werden.

Wenn Dir ein oder mehrere dieser typischen Symptome der Wackelzahnpubertät bekannt vorkommen, dann ist es wohl bei Deinem Kind soweit:

  • Körperliche Veränderungen wie Wachstum (neue Proportionen)
  • Erste Milchzähne fallen aus (Zahnwechsel)
  • (plötzliche) Stimmungsschwankungen
  • Dein Kind wirkt häufig gereizt und besonders launisch.
  • Dein Kind wirkt häufig bedrückt oder traurig.
  • Dein Kind will seine eigenen Entscheidungen treffen…
  • …fordert aber gleichzeitig wieder häufiger deine Hilfe.
Die Wackelzahnpubertät, ein Wechselbad der kindlichen Gefühle

Wie lange dauert die Wackelzahnpubertät?

Wie bei allen Entwicklungsschüben, Phasen und Krisen ist es natürlich sehr individuell. In der Pädagogik wird das Alter zwischen fünf Jahren und zehn Jahren beschrieben. Bei vielen Kindern ist diese Phase mit acht oder neun Jahren abgeschlossen. Doch ebenso viele erleben Symptome bis in das zehnte oder sogar elfte Lebensjahr.

Was hilft meinem Kind in der Wackelzahnpubertät

Die Konflikte, die wir Erwachsenen in der Wackelzahnpubertät mit unseren Kindern erleben, sind unheimlich wichtig für deren (und unsere) Entwicklung. Je nachdem, wie wir sie angehen, wirken sie enorm stärkend auf unsere Beziehung.

Den Kindern hilft es, wenn sie mit all ihren Gefühlen ernst genommen und gesehen werden. Sie sind mit fünf Jahren viel redegewandter als in der ersten Autonomiephase mit 2 Jahren. Daher haben wir viele Möglichkeiten, mit unseren Kindern über Gefühle zu sprechen. Ihnen auch zu erzählen, wie wir Situationen erleben, welche Gefühle in uns dabei aufkommen und wie wir selber damit umgehen.

Es ist enorm erleichternd für die Kinder, zu erfahren, dass sie nicht ‚falsch‘ oder ‚anders‘ sind mit dem, was sie fühlen und erleben. In diesem Alter könne wir beginnen, mit ihnen über das Selbstbild zu sprechen. Zu überlegen, wie etwas auf andere wirkt, wie andere Dinge von uns wahrnehmen.Es ist die Zeit, in der sich ein höheres Empathieverständnis ausbildet. Eben ein Verständnis davon, wie andere darüber denken könnten, was ich tue.

Und immer wieder gilt: Unser Selbstbild entsteht aus dem, wie wir uns gesehen fühlen. So wie wir das Kind sehen, wird es sich selber sehen.

Mit konkreten Tipps gelassen durch die Wackelzahnpubertät

Jetzt geht’s in die Praxis.

Denn genau das habe ich mir mit ‚Selbst ist das Kind‘ auf die Fahnen geschrieben. Ich zeige dir, wie du die Pädagogik von Jesper Juul, einen bindungs- und beziehungsorientierten Ansatz, in der Praxis -im Alltag mit deinem Kind- anwenden kannst.

Wirf einen Blick durch die Augen Deines Kindes

Genau diesen Blick braucht es für Anerkennung. Anerkennung bedeutet, den anderen Menschen so, wie er sich selbst versteht, wahrzunehmen. Versuch also den Sinn und die Motivation, die hinter dem Verhalten deines Kindes steckt, nachzuvollziehen.

Damit du dabei gelassen bleiben kannst, mach dir immer wieder klar, dass dein Kind ‚es‘ nicht gegen dich tut, sondern um dir zu erzählen, wie es ihm gerade geht.

Zitat Jesper Juul
Zitat von Jesper Juul

Sprich aus, was Du beobachtest und stelle Vermutungen an

Fühl‘ Dich ein und sprich aus, was Du beobachtest.

Formuliere es als Frage. Vielleicht helfen Dir diese Satzanfänge:

  • „Ist so viel Wut in Dir, weil…?“
  • „Bist Du wütend und möchtest gerne…?“
  • „Was macht so eine große Wut in Dir?“
  • „Ist das schmerzhaft für Dich gewesen?“

Oder sag fragend etwas, wie:

  • Du siehst traurig aus (?)
  • Du siehst unglücklich aus (?)

Sei achtsam und sensibel bei Deiner Wortwahl, denn Kinder und Jugendliche verfügen oft nicht über den Wortschatz, der es ihnen ermöglichen würde, über ihr Befinden präzise Auskunft zu geben. Indem Du Deinem Kind Worte für die Gefühle gibst und ihr darüber sprecht, was gerade los ist, zeigst Du Empathie und lebst vor, wie man sich in andere Menschen einfühlt.

Dein Kind wird es Dir gleichtun und lernen sich ebenfalls immer besser in andere Menschen einfühlen zu können.

Sei Präsent

Präsenz braucht oftmals gar keine Worte.

Es ist die ungeteilte Aufmerksamkeit. Bei dem Kind zu sitzen, während es so wütend oder traurig ist. Eventuell die Hand auf den Rücken legen. Erspüren, welche Art der Nähe Dein Kind jetzt braucht. Und nicht gleichzeitig aufs Handy schauen, etwas lesen oder den Fernseher anmachen!

Hör zu und sei interessiert

Du hast dich eingefühlt, durch die Augen deines Kindes geschaut und gesprochen. Du bist da, schenkst deinem Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit. Es wird langsam ruhiger, die Emotionen beruhigen sich.

Nutze diese wunderbare Verbindung, um zuzuhören. Lass Dein Kind aus seiner Welt erzählen, zeig echtes Interesse und eine gesunde Neugierde an dem Erlebten und der Sicht Deines Kindes auf die Geschehnisse. Dabei gibt es kein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘!

Wichtig ist, dass Dein Kind sich verstanden fühlt. Wichtig ist, dass Ihr beide erlebt, wie unterschiedlich die Perspektive auf ein und dieselbe Sache sein kann und darf!

Geh empathisch auf dein Kind ein

Gib persönliches Feedback

Wenn dein Kind sich verstanden fühlt, du ihm mit Interesse und Neugierde begegnet bist. Genau dann und erst dann kannst du ihm ein persönliches Feedback geben. Dann ist es bereit, dir zuzuhören. Dann ist es offen für Anregungen und Strategien.

Doch bitte keine Moralpredigt, denn es bleibt dabei. Wir Menschen sind unterschiedlich, begegnen Situationen mit unterschiedlichen Gefühlen und Strategien und was du zurückmeldest ist lediglich eine Wirkung, die du beschreiben kannst. Nutze also eine persönliche Sprache. Beschreibe, was in dir passiert, wenn du dein Kind etwas sagen hörst oder machen siehst.

Auf diese persönliche und authentische Art ist es sehr wertvoll für die weitere Ausbildung der Persönlichkeit deines Kindes. So lernt es, wie andere es sehen, einschätzen und darüber denken (könnten), was es tut und sagt. Denn die Persönlichkeit -das ‚Selbst‘- entsteht am du.

So wie du das Kind betrachtest, wird es sich selber betrachten.

Gelebte Gleichwürdigkeit

Immer wieder spüre ich bei mir und in den Gesprächen mit Eltern, in Beratungen oder an Themenabenden, wie sehr uns unsere Kindheit prägt.

Gerade was Konfliktscheue und das Streben nach Harmonie angeht. In meiner Kindheit war ein Konflikt was Schlimmes. Konflikte mussten schnell weg. Und damit einhergehende Gefühle natürlich auch. Dabei ist es doch ganz normal, dass bei mehreren Menschen auf einem Haufen nicht alle gerade die gleiche Idee haben. Ja, das wäre ja geradezu unnormal.

Normal sind 25 Konflikte innerhalb einer Familie/einer Gemeinschaft pro Tag. Dabei ist es völlig normal, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und selbst, wenn wir gerade das gleiche Bedürfnis haben, nutzen wir vielleicht verschiedene Strategien. Ich brauche absolute Ruhe, um mich zu entspannen. Unser Sohn braucht TKKG auf maximaler Lautstärke.

All das hat zur Folge, dass wir uns eine Methode wünschen, mit der wir dem Kind etwas sagen und hoffen, es würde dann sagen: „Ach so. Mama oder Papa, wenn du das so sagst. Dann finde ich das natürlich auch total super, jetzt erst zu baden und dann erst den Film zu gucken.“ Doch das wird nicht passieren.

Und wir würden ja unseren Kindern auch etwas überstülpen. Und das ist nicht gleichwürdig! Aber, wenn es uns gelingt, jeden mit seinen Ideen, Wünschen und Bedürfnissen zu sehen und zu hören. Alle gleich ernst zu nehmen; Differenzen auszusprechen. Dann werden wir erleben, dass sich Lösungen von ganz alleine ergeben.

Ja, wenn wir verbunden sind, wird die Lösung gar zweitrangig.

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Ich bin Jenny, seit 2020 Mama eines
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