Kooperation bei Kinder: Wie Du es schaffst, eine Balance zwischen Kooperation & Integrität herzustellen

Kooperation Kinder

Ein Text von Imke Guzewski von Selbst ist das Kind über die Gründe, wann Kinder nicht kooperieren können und wie wichtig es auf der anderen Seite ist, seine Integrität zu wahren.

„Jonas* macht gar nichts mit. Immer dieser Kampf! Gestern hat mein Mann ihn nach Hause tragen müssen, weil er nicht laufen wollte. Und jetzt ist er wirklich zu Hause geblieben. So ein schöner Sonnenschein und er wollte einfach nicht mit. Von Mia Maria* kenne ich das gar nicht! Wir gehen jetzt ein Eis essen, ohne ihn. Auch gemein, oder? Was mache ich da, Imke?“

Oder

„Imke! Immer diese Emotionen. Überall lauert ein kleiner Weltuntergang bei Lotta*. Ich habe Sorge, dass ich sie verletze mit meinen Aussagen. Wie kann ich da gelassen bleiben?“

So oder so ähnlich klingen häufig die Fragen der Eltern, die sich an mich wenden.

Meist erhoffen sie sich einen Trick, wie sie ihr Kind zur Kooperation bewegen können, doch viel wichtiger ist meines Erachtens ein Verständnis für unsere innere Balance und unseren ständigen Konflikt zwischen Integrität und Kooperation. Und das Wissen darüber, dass Kooperation gar nicht immer möglich ist oder Zeit und Verständnis erfordert.

Denn grundsätzlich gilt, dass Kinder es lieben zu kooperieren, doch sie brauchen eine Balance! Wie du dieses Gleichgewicht herstellen kannst, erfährst du im folgenden Beitrag. Die Beispiele von Jonas und Lotta werden uns dabei begleiten.

Wie wir zwischen Kooperation und Integrität schwingen

Ich beschreibe es gerne als den Tanz zwischen Kooperation und Integrität. Ein Tanz, der uns reguliert, in Balance bringt und gleichzeitig einen ständigen inneren und äußeren Konflikt darstellt. Der Konflikt lässt sich mit dieser Frage beschreiben: „Möchte ich gerade ein Teil der Gemeinschaft sein oder etwas nur für mich tun. Was brauche ich gerade?“

Wir Menschen brauchen und lieben sowohl unsere Integrität als auch die Kooperation.

Wer nur seine eigenen Belange in den Mittelpunkt stellt und die anderen herumkommandiert, wird sich schnell alleine fühlen. Wer nur das Wohl der Gemeinschaft im Blick hat, die soziale Verantwortung über die persönliche Verantwortung stellt, wird sich schnell ausgelaugt und müde fühlen.

So braucht es die Ausgewogenheit. Haben wir gerade viel kooperiert, uns der Gemeinschaft zugewendet, brauchen wir Zeit für uns. Umgekehrt wenden wir uns der Gemeinschaft zu, wenn wir uns ausreichend um uns gekümmert haben.

In Familien, in denen jeder gut für sich sorgen darf, entsteht eine Erfülltheit, aus der heraus jeder gerne bereit ist, für die Gemeinschaft zu sorgen. Wichtig ist es also, einen einfühlenden Blick für sein Kind und ebenso für seinen Partner/seine Partnerin zu haben, um einschätzen zu können, wie viel Kooperation gerade möglich ist oder ob ein Familienmitglied jetzt erst einmal Zeit für sich braucht.

Das ist häufig nach einem langen, nervenaufreibenden Arbeitstag, nach der Schule oder nach der Kita der Fall. Doch auch die Anhäufung kleiner Herausforderungen, Aufgaben, die uns gerade nicht so recht von der Hand gehen mögen oder Begegnungen, die uns Kraft kosten, zwingen uns stark in die Kooperation und brauchen einen Ausgleich.

Dein Kind ist nach der Kita immer so quengelig? Vielleicht müde? Finde heraus, was es braucht, um sich zu regulieren. Schaukeln, CD hören, etwas schlafen oder kuscheln. Schnell noch gemeinsam Einkaufen oder zum Turnen kann, je nach Kind, zum nervenaufreibenden Unterfangen werden.

Du wunderst Dich, warum die Schulkinder auf dem Heimweg auf allen Vorgartenmauern balancieren? Für viele eine tolle Möglichkeit, sich zu regulieren. Für andere ist es das Klettern, Schaukeln oder ganz viel Ruhe.

Dabei ist jedes Kind, jeder Mensch anders!

So erzählte mir kürzlich eine Mutter, dass ihr Sohn sich genau beim Einkaufen reguliert und es liebt nach der Kita in den Supermarkt zu fahren.

Was bedeutet Integrität und Kooperation nun genau?

Integrität bedeutet, sich als Individuum zu definieren. Seine Bedürfnisse zu spüren und diese in einer persönlichen Art äußern zu können. Es ist genau diese Autonomie, die so wichtig ist, um sich zu spüren.

In der Familie bedeutet Integrität, dass Eltern nicht Grenzen für die Kinder setzen, sondern ihre eigenen Grenzen aufzeigen. Und natürlich zeigen auch die Kinder ihre Grenzen auf.

Im Gegenzug bedeutet Kooperation für die Gemeinschaft da zu sein, sich von der Gemeinschaft tragen zu lassen und sich zugehörig zu fühlen. Sich deren Werte und Normen anzueignen und durch Nachahmung zu lernen. Es ist in gewisser Weise die soziale Verantwortung, die wir tragen und durch die Hilfsbereitschaft und Empathie entsteht.

Kinder lieben es zu kooperieren. Sie möchten ja nichts lieber, als zu üben, wie ‚Erwachsen sein‘ geht. Und das tun sie anhand unseres Vorbilds. Entwicklungsbiologisch betrachtet ist es sogar überlebensnotwendig für Kinder, zu kooperieren. Auch wenn das heute vielleicht nicht mehr notwendig ist, steckt es noch tief in ihnen. Sie wollen uns gefallen, ahmen uns nach und spielen ‚Erwachsen sein‘.

Warum kooperieren Kindern manchmal nicht?

Es gibt zwei Gründe, die beschreiben, in welchen Situationen Kinder nicht kooperieren (können). Zudem gibt es die Autonomiephasen, in denen die Kooperation zugunsten der Entwicklung der Integrität etwas in den Hintergrund gerät. Was in der Autonomiephase passiert, beschreibe ich Dir in Punkt 3.

Das Kind hat bereits so viel kooperiert, dass es sich jetzt um sich selber kümmern muss

Das ist, wie oben beschrieben, eigentlich immer nach der Schule oder nach dem Kindergarten der Fall. Die Kinder haben sich den Regeln dort angepasst und in einem vorgegebenen Rhythmus gespielt, gelernt und gegessen. Doch auch im Alltag zu Hause kann das schnell passieren. Manchmal merken wir gar nicht, wie stark ein Kind gerade kooperiert und wundern uns später, wenn es sich so vehement um sich kümmert.

Jeder morgendliche Ablauf, wenn wir pünktlich aus dem Haus wollen, erfordert wahnsinnig viel Kooperation vom Kind. Es beginnt beim zeitigen Aufstehen und geht dann weiter mit dem Waschen, Zähne putzen, Anziehen, Frühstücken, Jacke und Schuhe anziehen, Mütze und Schal nicht zu vergessen.

Zu all den Dingen kommt noch der Zeitdruck, den die Kinder natürlich bei uns spüren. Da steigt so manches Kind schon einmal aus und streikt bei den Schuhen, der Mütze oder schon beim Frühstück. Ein sicheres Zeichen für uns Erwachsenen, umzudenken und den morgendlichen Ablauf zu entspannen.

Jonas*, von dem ich Euch am Anfang erzählt habe, sorgt übrigens hervorragend für sich. So wie es aussieht, hat er den Morgen über viel kooperiert, viel ‚mitgespielt‘ und brauchte jetzt dringend Zeit für sich. Tatsächlich schrieb mir die Mutter später, was für ein fröhliches Kind ihr entgegensprang, als sie wieder nach Hause kam.

Eine sehr versteckte Kooperation ist mir selbst bei meinem Sohn begegnet:

Im ersten Lockdown wunderte ich mich. Während mein Mann und ich im Homeoffice arbeiteten, zog unser Sohn, damals Vorschulkind, sich in sein Zimmer zurück. Spielte, malte, bastelte und arbeitete in seinem Vorschulheft aus dem Kindergarten. Mir fiel auf, dass er immer häufiger, etwas kaufen wollte. Ich sollte es ihm bestellen.

Und genau da fing ich an, zu überlegen, was los war. Er hatte zu viel kooperiert. Uns zu liebe hatte er sich zurückgezogen und jetzt musste er für sich sorgen. Sein erster und einfachster Impuls waren materielle Wünsche. Doch die wollte ich ihm nicht erfüllen, war mir doch bewusst, dass materielle Dinge nicht das eigentliche Bedürfnis befriedigen konnten. Daher musste ich das Bedürfnis hinter seinem Wunsch finden.

Und das war intensives Spielen und viel Zeit mit mir. Bald war er wieder in Balance, wir arbeiteten, er spielte und jeden Tag war Zeit für unser gemeinsames Spiel reserviert. Im Nachhinein fühlte ich mich tatsächlich, als hätte ich seine Kooperationsbereitschaft ausgenutzt.

Das Kind fühlt sich in seiner Integrität verletzt

Manchmal übersehen wir, wie stark unser Kind kooperiert oder was es gerade braucht.

Wir haben dann so viele Ideen im Kopf, wie etwas zu sein hat und was wir jetzt von unserem Kind erwarten, dass wir unbewusst verletzen, wie dieses Beispiel zeigt:

Das Verletzende ist in diesem Beispiel, dass die Erwachsenen die Kooperation gar nicht gesehen haben. Lotta* wollte, genau wie alle anderen, selber die Schuhe und die Jacke anziehen. Dazu kommt, dass einige Aussagen dadurch verletzend waren, weil sie Druck ausgeübt haben. Gleichzeitig ist es ja auch unrealistisch, dass die Erwachsenen die kleine Lotta* zu Hause lassen würden.

Verletzend empfinden Kinder außerdem jegliche Art der Besserwisserei. Vielleicht stört es Lotta* überhaupt nicht, mit Gummistiefeln Fahrrad zu fahren. Und lernen tut sie durch diesen Ratschlag auch nichts, denn Kinder in diesem Alter lernen ausschließlich (und viel schneller) durch Ausprobieren. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen.

Jetzt denkst Du vielleicht, dass man doch nicht immer alles so machen kann, wie das Kind es gerade möchte, oder?

Nein, das musst Du nicht und solltest Du auch nicht. Kinder brauchen eine klare Führung. Und die Frage ist immer, ob ich mein Kind gerade verletzt oder nur frustriert habe. ‚Nur‘ frustriert ist Lotta*, wenn etwas anders läuft als sie es möchte und sie nicht dafür ‚schlecht‘ gemacht wird, dass sie es anders lieber gehabt hätte. Dazu gehört auch, dass wir ihre Gefühle zulassen und sie in ihrem Frust begleiten.

frustriertes Kind

Aus meiner Sicht kann solch eine Situation so viel entspannter laufen, wenn:.

  1. Wir Erwachsenen immer sehr genau darauf achten, dass wir nicht mit zweierlei Maß messen. Lotta* war hier die einzige, die ihre Schuhe draußen anziehen musste.
  2. Wir Eltern, die Kinder ihre Gedankengänge selber ausprobieren lassen. Was die Gummistiefel angeht, hätte ich Lotta testen lassen, wie es sich mit Gummistiefeln fahren lässt und zur Sicherheit andere Schuhe eingepackt.
  3. Wir liebevolle elterliche Führung auf Augenhöhe betreiben. Natürlich kannst Du Deine Erfahrung, die Du als Erwachsener ja nun einmal hast, einbringen. Eine mögliche Formulierung wäre: „Hey Lotta*! Du hast ja schon genau wie wir Deine Schuhe angezogen. Aber sag mal, wo sind denn Deine anderen Schuhe? Ich denke, damit könntest Du besser Fahrrad fahren.“ Nun könnt ihr gemeinsam suchen und darüber sprechen, mit welchen Schuhen sie bisher Fahrrad gefahren ist und welche sie jetzt ausprobieren möchte.

Dein Kind steckt in der Autonomiephase

In der Pädagogik sprechen wir von zwei Autonomiephasen. Der ersten Autonomiephase, die mit ca 18 bis 24 Monaten startet und der zweiten Autonomiephase, der Pubertät. Beide Phasen kennzeichnet ein intensiver Abnabelungsprozess. Mit diesem Abnabelungsprozess geht automatisch ein stärkerer Focus auf die eigene Integrität einher.

In der ersten Autonomiephase, vielen besser bekannt als die ‚Trotzphase‘, entdecken Kinder überhaupt erst ihre Selbstwirksamkeit. Erst jetzt wird ihnen klar, dass sie eigenständige Menschen mit eigenen Wünschen und Ideen sind. Natürlich ist das Grund genug, diese ausgiebig auszuprobieren und zu ergründen. Ebenso spannend ist es, herauszufinden, wer die Personen um einen herum so sind. Was bewegt sie, welche Grenzen haben sie, was ist ihnen wichtig, was sind es für Menschen? Oft wird vom ‚Grenzen austesten‘ gesprochen, doch es ist vielmehr die Suche nach Kontakt. Die Suche nach dem Menschen und dessen Integrität. Es scheint als würden die Kinder rufen: „Mama! Zeig mir, wer Du bist?“ oder „Papa, was ist Dir wichtig?“.

Sehen wir diese Intention und zeigen wir Interesse und Verständnis für die Ideen, Bedürfnisse und Wünsche der Kinder, ist es oft schon viel einfacher, einen Konsens zu finden.

Einmal mehr ist es so wertvoll, im Hier & Jetzt zu sehen, was ist, anstatt bereits einer vorgefertigten Lösung hinterher zu hecheln.

hilsbereites Kind im Garten

Zu sehen, welche Kompetenz in unserem Kind steckt, anstatt zu gucken, was uns noch nicht passt.

Dabei hilft es immer, einmal zu versuchen, durch die Augen unserer Kinder zu sehen und diesen herrlichen, oft überraschenden, Blick auf die Welt zu erhaschen.

Wie gehst du in solchen Situationen mit deinem/n Kind/ern um? Verrate es uns gerne in den Kommentaren oder auf unserer Facebookseite oder unserem Instagramkanal.

*Namen in diesem Artikel sind durch die Autorin geändert.

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Jenny Macholdt

Ich bin Jenny, seit 2020 Mama eines
kleinen Wirbelwindes und Gründerin
von Moms 4 Moms. Meine Mission ist 
es Mütter miteinander zu verbinden,
frei nach dem Motto: „Gemeinsam, 
statt einsam“

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