Muttertät: Die Veränderung von Frau zur Mutter

Muttertät Veränderung von Frau zu Mutter

Hast du schon einmal etwas von Muttertät gehört? Was das ist und was da passiert, erfährst du im Gastbeitrag von der lieben Anna Knitter.

Vor der Geburt meiner Kinder habe ich viele Jahre, an einer Hochschule als Referentin und Projektmanagerin gearbeitet und gleichzeitig nebenberuflich promoviert. In der Elternzeit meiner großen Tochter genoss ich die Zeit zu Hause und wollte mich vor allem auf meine Tochter konzentrieren und brauche auch Zeit um mich in meiner neuen Rolle einzufinden. Ich fühlte mich ziemlich fremdbestimmt und kämpfte mit dem Gefühl, nur noch auf meine Mutterrolle reduziert zu werden. Ich entwickelte immer mehr Interesse an den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Mindset. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich diesen Interessen weiter folgen wollte und vernachlässigte immer mehr meine Promotion.

Nach der Geburt unseres zweiten Kindes wurde der Wunsch stärker, mich neu zu orientieren und ich bin entscheidungsfreudiger und mutiger geworden. Ich habe meinen Blog gestartet, eine Coaching-Ausbildung angefangen und die Promotion abgebrochen – das hätte ich mich vor ein paar Jahren gar nicht getraut, alleine schon wegen der vielen Jahre Arbeit, welche darin steckten. Durch die Mutterschaft haben sich mein Leben, aber auch ich als Person ziemlich verändert. Ich bin innerlich gereift und selbstbewusster geworden. Ich weiß jetzt, was ich will und was ich nicht will.

Sämtliche widersprüchlichen Gefühlslagen, das schlechte Gewissen und meine persönliche Weiterentwicklung sind alles Merkmale der Muttertät. Hätte ich zu dieser Zeit gewusst, dass ich mich in einem normalen, hormonell gesteuerten Umbruchprozess befinde, hätte es mir diese Zeit so viel leichter gemacht.

Was passiert denn da?

Die Muttertät (engl. Matrescence) beschreibt den Transformationsprozess von Frau zur Mutter. Sie beginnt mit der bewussten Entscheidung ein Kind zu bekommen oder spätestens mit der Schwangerschaft und dauert über die Zeit der Geburt hinaus, an. Die genaue Dauer ist individuell verschieden, wissenschaftlich konnte eine Dauer von bis zu zwei Jahren nachgewiesen werden.

Die „Muttertät“ ist durch drei Merkmale erkennbar:

1. Veränderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen

Wie und in welchem Lebensbereich Veränderungen stattfinden, ist individuell und kann bei jeder erneuten Schwangerschaft anders sein. Die einen stellen eine Veränderung in der Beziehung zu ihrem Lebenspartner fest, andere wiederum entdecken die Religion für sich.

Egal, in welchen Lebensbereichen ein Wandel stattfindet, er ist nicht rückgängig zu machen. Eine Frau verändert sich durch Mutterschaft physisch und psychisch und kommt nie wieder zu ihrem „alten Ich“ zurück.

2. Ambivalente Gefühle

Mutterschaft ist geprägt durch widersprüchliche Gefühle. Dr. Alexandra Sacks beschreibt diese Ambivalenz als „Push und Pull-Prinzip“. Durch die hohe Konzentration an Oxytocin im Körper, aufgrund der Geburt, dem Stillen und viel Körperkontakt, werden wir zum Baby hingezogen (pull). Gleichzeitig meldet sich das „ich“ als Person, mit eigenen Bedürfnissen, Gedanken, Interessen und alles was uns als Individuum ausmacht und die Erinnerung an das alte Leben (Push) und wir wünschen uns Zeit für uns. Erschwert wird das ganze dadurch, dass sich unsere Gefühlsskala erweitert, d.h. wir empfinden Emotionen stärker und viele Frauen berichten, dass sie schneller wütend, gestresster oder euphorischer werden als sie es von sich kennen.

3. Unsicherheit und Schuldgefühle

Aufgrund der widersprüchlichen Gefühle kommen Gedanken auf, warum wir nicht andauernd glücklich und dankbar sind? Und was denn hier bloß nicht mit uns stimmt? Andere Frauen wirken mit ihrer neuen Rolle viel besser im Einklang und glücklicher. Verstärkt werden diese Gefühle zum einen damit, dass selten offen über solche Emotionen gesprochen wird und zum anderen sind wir ständig, durch Social Media, mit Bildern der „perfekten Mutter oder Familie“ konfrontiert.

Ebenen der Muttertät

Der teilweise schon angesprochene Wandel kann unterschiedliche Ebenen betreffen. Die Veränderungen sind individuell verschieden, sowohl in der Art der Intensität und der Ausgestaltung:

Berufliche Ebene: Frauen erfahren eine Sinnkrise, was häufig zu einer Neuorientierung im beruflichen Kontext führt. Bei anderen verschieben sich hier noch stärker die Prioritäten weg von der Arbeit und hin zur Familie. Andere wiederum empfinden die Arbeit als willkommene Abwechslung zum Familienalltag.

Psychologische Ebene: Das ist die am stärksten ausgeprägte Ebene. Neben der oben beschriebenen Erweiterung der Gefühlsskala, fühlen sich manche gestresster oder haben das Gefühl ständig unter kritischer Beobachtung von außen zu stehen. Auch das Gefühl der Fremdbestimmung und das Empfinden, dass du am Tag nichts geschafft hast, aber dennoch total erledigt bist. Aber auch positive Aspekte wie die Entdeckung von eigenen Interessen/ Hobbys und Talenten können hierzu gezählt werden.

Spirituelle Ebene: Manche Frauen entdecken die Religion für sich oder andere Arten von Spiritualität. Aber auch ein stärkerer Bezug zur Natur und ein größeres Verantwortungsgefühl für die Umwelt oder eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens kann aufkommen.

Körperliche Ebene: Das der Körper sich während der Schwangerschaft verändert ist offensichtlich, aber es finden auch nach der Geburt Veränderungsprozesse in Bezug auf das eigene Körperempfinden statt. Manche Frauen haben stärkere Probleme ihren veränderten Körper zu akzeptieren, andere wiederum haben einen besseren Bezug zu ihm und schätzen ihn mehr und gehen achtsamer mit ihm um.

Beziehungsebene: Viele Frauen beurteilen Beziehungen neu. Sei es zum Partner, den eigenen Eltern oder zu Freunden. Manche Beziehungen werden intensiver und manche Freundschaften gehen durch die Geburt eines Babys verloren, weil der Lebensmittelpunkt ein anderer ist. Dafür entstehen häufig neue Verbindungen. Aber auch mit jedem neuen Familienmitglied verändert sich das Familiengefüge und die Energie in der Familie.

Das wir uns im Laufe des Lebens verändern ist normal und wird, beispielsweise durch einen Umzug, einen neuen Job, einen neuen Partner, Schicksalsschläge etc. beeinflusst. Was das ganze aber von der Muttertät unterscheidet, ist, dass diese durch eine Menge Hormone, wie Progesteron, Östrogen und Oxytocin ausgelöst wird. Dieser Hormonflut und die Veränderungen sind vergleichbar mit der in der Pubertät. Die Veränderungen gehen sogar so weit, dass sich die Struktur des Gehirns einer Mutter so verändert, dass dies auf MRT Bilder nachweisbar ist. Alleine anhand von MRT Aufnahmen können Mediziner sagen, ob diese Frau, Mutter ist oder nicht.

Die Gehirnstruktur bei Frauen verändert sich so, dass auf MRT Aufnahmen erkenntlich ist, ob die Person eine Frau oder Mutter ist.

Kaum erforschtes Forschungsgebiet

Die Forschung auf diesem Gebiet ist noch relativ mager. Der Begriff „Matrescence“ wurde erstmals 1973 von der Anthropologin Dana Raphael geprägt. Jedoch wurde erst Jahrzehnte später, 2008, der Begriff durch Dr. Aurélie Athan und durch Dr. Alexandra Sacks wieder belebt. Die beiden Wissenschaftlerinnen versuchen durch ihre Arbeit für diese Thematik zu sensibilisieren. In Deutschland ist das Thema noch ziemlich unbekannt. Die beiden Schwestern von Schwesterherzen Doulas haben sich dem angenommen und den englischen Begriff „Matrescence“ ins Deutsche als „Muttertät“ übersetzt und versuchen für diese Lebensphase zu sensibilisieren.

Begriffe schaffen Realität

Den Begriff „Pubertät“ gibt es erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Davor wurden Jugendliche in dieser Phase einfach als „verrückte Kinder“ bezeichnet. Erst nachdem die Herausforderungen, die ein junger Mensch auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen gesellschaftlich anerkannt und benannt wurden, kam mehr Verständnis und eine Erklärung für das Verhalten und damit auch mehr Geduld mit diesen jungen Menschen, auf.

Das Gleiche ist auch für Frauen notwendig, die Mutter geworden sind. Bei der Pubertät verstehen wir, dass es sich um einen Ausnahmezustand handelt. Von einer Frau erwarten wir, dass sie immer glücklich und ohne innerliche Unsicherheit ihr altes Leben zurücklässt, ihre Bedürfnisse hinten anstellt und immer lächelnd ihre Familie versorgt. Mit diesen gesellschaftlichen Erwartungen einer guten Mutter und den eigenen Unsicherheiten und Widersprüchen im Kopf erschweren sich Frauen diesen Prozess. Wenn wir diese Veränderungen für uns nicht akzeptieren und gegen den Wandel ankämpfen, um die Alte zu bleiben, kostet uns das nur noch mehr Kraft und der Prozess dauert länger an.

Was können frischgebackene Mamas machen, um besser in ihr neues Leben hineinzufinden?

  1. Beurteile deine „negativen“ Emotionen nicht. Nimm sie wahr und überlege dir, was du machen kannst, damit du dich gut fühlst? Sei dir bewusst, dass du gerade von Hormonen durchflutet wirst.
  2. Lass dich von gesellschaftlichen Vorstellungen, wie sich eine Mutter zu verhalten und zu fühlen hat, nicht verunsichern. Du gestaltest euren Alltag und euer Zusammenleben so, wie es für euch passt und sich für euch richtig anfühlt.
  3. Lass dich nicht von deiner Umwelt täuschen. Nicht von Posts glücklich, ausgeglichener Mamas auf Social Media und auch nicht von Erzählungen von Familie und Freunden wie schön und leicht das Leben mit Kind ist.

Weitere inspirierende Gedanken zum Leben als frischgebackene Mama findest du in diesem Beitrag oder in dem Beitrag, in dem es darum geht, wie du eine neue Struktur in deinem Mama-Alltag etablierst.

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Jenny Macholdt

Ich bin Jenny, seit 2020 Mama eines
kleinen Wirbelwindes und Gründerin
von Moms 4 Moms. Meine Mission ist 
es Mütter miteinander zu verbinden,
frei nach dem Motto: „Gemeinsam, 
statt einsam“

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